Kapitel 3


von Molo
veröffentlicht am 04. Jul 2017 20:58

Ich stand am Fenster, welches aus Panzerglas war und sich nur einen Spalt weit öffnen ließ. Von hier aus konnte ich direkt zum Eingang sehen. Hier konnte ich stehen und warten bis du kommst um mich abzuholen. Lena kam rein und stellte mir Krankenhausfraß auf den Schreibtisch. Sie nickte in die Richtung meines Koffers und fragte mich wieso ich noch nicht ausgepackt hatte. Auspacken – das hieß, dass ich bleiben würde und ich wollte nicht bleiben, ich würde wieder gehen, ganz sicher. Ohne mich um Erlaubnis zu fragen, fing sie an meinen Koffer auszupacken und meine Klamotten in den Schrank zu legen. Alle spitzen Gegenstände, mein Handy, selbst Nagellack und Haarspray nahm sie in ihr Gewahrsam und verließ das Zimmer. Mein Blick richtete sich angewidert auf den Krankenhausfraß und dann wieder in Richtung Eingang, nach draußen.

So verliefen auch die nächsten Tage, ich aß nicht, ich weinte nicht, redete mit niemandem, ich stand einfach nur am Fenster und wartete bis du kommen würdest.

Am dritten Tag bat mich Lena mit den anderen Kindern zu essen und sie kennenzulernen, ich sollte mich einleben. Anders, als ich es erwartete, starrte mich hier keiner an, alle benahmen sich so, als wäre ich schon immer ein Teil von ihnen. Nach dem Essen sollte ich mich für zwei Arten der Therapie entscheiden, ich entschied mich für die Ergo- und Musiktherapie.

Jeder Tag hier war gleich, aufstehen, essen, Therapie, Zimmerzeit, essen, Freizeit und Programm, essen, schlafen. Jeden verdammten Tag, ich hatte das Gefühl irrer zu werden, als ich es bereits schon war. Nur an einzelne Geschehnisse erinnere ich mich noch ganz genau. Zum Beispiel als Patrick aus der Nemo-Gruppe an das Fixierbett gefesselt und zur Beruhigung in den Tobraum geschoben wurde oder als die kleine Fabienne Tabletten bekam, weil sie nach ihren Eltern schrie.

Meine Zimmerzeit verbrachte ich damit, mich zurechtzumachen und am Fenster auf dich zu warten. Es ist wahr, ich wartete jeden Tag auf dich.
Nach sechs Wochen war meine Zeit hier vorbei, ich sah hier viele kommen und gehen, Entlassungen waren hier die schönsten Momente, auch für Kinder die noch bleiben mussten. Ich sah den Eltern so gerne zu, wie sie lächelten, ihr Kind in den Arm nahmen, in ihr Auto stiegen, losfuhren und uns zuwinkten. Heute war mein Tag der Entlassung. Ich war traurig, weil ich Angst hatte vor all dem da draußen, vor den Blicken der Menschen die mich kannten, vor dem Alltag Zuhause. Ich hatte Angst dich wiederzusehen, obwohl das alles war, was ich mir in all dieser Zeit wünschte, ich hatte Angst, dein Anblick würde mich umbringen.


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