Kapitel 4


von Molo
veröffentlicht am 04. Jul 2017 20:59

Zuhause war wie ein fremder Ort geworden. In so wenigen Wochen hatte sich so viel verändert. Ich konnte die Enttäuschung meiner Eltern sehen, bei jedem Mal als ich ihnen in die Augen blickte, was ab und zu passierte, auch wenn ich es die meiste Zeit vermied. Ich verbrachte viel Zeit in meinem Zimmer, ich wollte nicht raus, alle wussten wo ich gewesen bin, alle würden mir Fragen stellen. Fragen, die ich nicht beantworten wollte, Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Fragen über dich, dich konnte ich nicht erklären, niemandem.

Hier hatte ich wieder ein Handy, hier war ich wieder ein normaler Mensch, zumindest hatte ich die Freiheiten eines normalen. Ein paar Anrufe in Abwesenheit von meiner besten Freundin, nicht mal ein Lebenszeichen von dir. Dein Name auf dem Display schlug mir mitten ins Herz. Ich konnte nicht anders als dich anzurufen, auch wenn ich wusste du würdest es ignorieren.

In meinen Ohren klang die Stimme deiner Mailbox und dann wieder diese unendliche Stille.

Noch nie in meinem Leben zuvor habe ich mich so einsam gefühlt. Niemand war hier, der mich verstehen konnte. Am Esstisch sahen sie mich an, jeden Tag starrten sie auf meine Arme. Sie sahen die Schnitte in meiner Haut aber niemals sah jemand die Schnitte in diesem jungen 13-jährigen Herzen. In den Augen der anderen war ich immer nur ein Kind, sie glaubten nicht, dass ich wüsste was Liebe sei, deshalb sagten sie ich sei krank. Die Berichte, die der weiße Kittel in Calw über mich schrieb unterstellten mir ich sei krank. Die Betreuer, die anderen Kinder, meine Eltern, die einst verständnisvollen Menschen in meiner Schule, alle unterstellten mir ich sei krank. Dabei liebte ich dich einfach nur mit allem was ich konnte. Keiner verstand das jemals.

Mein Leben sollte weitergehen, meine Eltern versuchten es mit Internat Nummer zwei. Hier lebte auch meine große Schwester, wahrscheinlich erhofften meine Eltern, sie könne hier auf mich aufpassen. Lächerlich. Es war mir völlig egal wie weit weg meine Eltern waren, ich war sogar froh, dass mich ihre stechenden Blicke nicht mehr bei lebendigem Leibe aufspießten. Nur du fehltest mir, du fehltest mir so sehr, alles was ich von dir hatte war ein Foto. Dieses Foto, gedruckt auf dünnes Papier, in der Mitte zwei mal gefaltet. Es tat mir weh dein wunderschönes Gesicht in der Mitte zu knicken aber anders konntest du nicht immer dabei sein. Du warst dabei an dem ersten Schultag dort, unter meinem Kopfkissen in der ersten Nacht, die ich dort verbrachte. Du lagst unter meinen Schulbüchern während meiner Lernzeit und lagst zwischen den Seiten meines Tagebuches wenn ich meinen Koffer packte um am Wochenende heimzufahren. Dieses Foto von dir, dieses einfache, total benutze, zerknitterte und verblasste Foto war derzeit mein einziger Halt im Leben. Alles andere war mir völlig egal.


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